"Die Sprache der Flecken"

 

Giorgio Vasari, Vater der Kunstgeschichtsschreibung, hatte 1568 in Tizians Malweise eine "linguaggio di macchia", die Sprache der Flecken entdeckt. Damit meinte er, dass sich dessen Gemälde in eine Ansammlung unförmiger Farbflecken auflösten, wenn man ihnen zu nahe käme. Diese Flecken schlössen sich wieder zu den lebendigsten Bildeindrücken zusammen, sobald man in den rechten Abstand zurückkehre. Die Leinwände von Sandra Lange sprechen diese linguaggio di macchia, sie spielen mit den Veränderungen des Bildes durch Distanzvariation. Die gewaltige Farbkraft der Bilder fordert den Betrachter auf, zurückzutreten und die Fernwirkung zu erproben. Und gleichzeitig locken uns die prachtvollen Leinwände mit delikaten Oberflächen und kostbaren Feinheiten ganz nah heran. Diese Kunst muss geradezu erwandert werden. Sandra Lange macht aus der Malerei eine Zeitkunst, sie fixiert nicht, sie dynamisiert.


Wie gelingt der jungen Berliner Malerin dieser erstaunliche Kunstgriff? Verantwortlich ist weniger eine formulierte Konzeption, als vielmehr die raffinierte Bildtechnik. Amorphe Farbgüsse, verlaufende Pigmente und unkontrollierbare Spritzer stehen in markantem Gegensatz zu scharf begrenzten geometrischen Strukturen, linearen Geraden und perspektivischen Konstruktionen. Diese formale Polarität spiegelt sich in den Materialien wieder, die Sandra Lange verwendet. Sie bindet ihre Pigmente sowohl mit Akryl als auch mit Öl, sie verwendet Lack oder Tusche und kombiniert diese heterogenen Malmittel miteinander. Schicht um Schicht baut sie so die Arbeiten auf. Kompositionelle Entscheidungen müssen durch diese Arbeitsweise immer wieder revidiert, angepasst oder gegen die Farbe durchgesetzt werden. Ständig reagieren die Substanzen auf unvorhersehbare Weise miteinander. Wässrige und fette Binder stoßen einander ab, Tuschen saugen sich in das Gewebe der Leinwand, um sich an anderen Stellen wieder nach oben zu arbeiten, Lasuren lassen tiefer liegende Farbschichten durchscheinen, durch krakeleeartige Bruchlinien leuchten überdeckte Farbschichten auf wie Magma durch eine erkaltende Lavadecke.


Mal arbeitet Sandra Lange ganz klassisch an der stehenden Leinwand, mal liegt der Bildträger auf dem Boden, wie bei den abstrakten Expressionisten. Im Vergleich zu dieser New Yorker Schule der Nachkriegszeit ähnelt ihre Malweise eher dem „Pouring“ von Helen Frankenthaler als dem „Dripping“ von Jackson Pollock. Das Dripping ist an die Geste des Malers gebunden, es bildet dessen Körpermotorik ab, seine Bewegungen im Akt des Malens. Das Pouring, das Gießen von Farbe auf die liegende Leinwand aber verzehrt jede Gestik. Allein die Interaktion von Farbmaterial und Leinwand lässt die Strukturen entstehen. Sowohl die Farbschüttung als auch die geometrische Konstruktion vermeidet die unmittelbare Spur der malenden Hand: Das ist der Grund, aus dem diese Kunstwerke von nah und fern wirken. Durch diesen Verzicht auf Gestik bleiben die Werke von Sandra Lange bei aller energetischen Aufladung von vornehmer Zurückhaltung. Daher sind sie von solch großer visueller Kraft und zugleich kostbare Pretiosen. Sandra Lange beherrscht die Sprache der Flecken fließend.

 

Dr. Friedrich Weltzien 2011

 

 

 

 

"Farbe sucht Form -
Linie, Fläche und Raum in den Arbeiten von Sandra Lange"

 

Rechtecke, Trapeze, Vielecke rhythmisieren in geordnetem Staccato die Leinwand, präzise Flächen von Symmetrie und Schärfe, deren Lebendigkeit aus den Tiefen malerischer Schichtungen, Lasuren und Verläufe an die Oberfläche dringt. Ambivalenz ist einer der beherrschenden Charaktere in den Arbeiten von Sandra Lange, Ambivalenz in Textur und Auftrag der Farbe, die mal voluminös pastos, mal versickernd, wässrig dünn zum Einsatz kommt, Ambivalenz im Formalen, zwischen den klar umrissenen Formen und den fließenden, geschichteten Partien in den Tiefen der Untermalungen.

Klare Homogenität hingegen in der Idee des Bildwerdens: die Fläche, nicht der Raum, die Farbe, nicht die Illusion. Der Fond, der Grund, Textur aus Malerei, darüber Formen, ein strenges Vokabular mit noch strengerer Auswahl. Vielfalt gegen Konzentration, Ruhe gegen Überfülle, aus der Beschränkung heraus entwickeln die Werke der Malerin ihre konzentrierte Wirkung, ihr ruhiges Atmen. Sandra Lange wurde als Meisterschülerin von Frank Badur an der Universität der Künste in Berlin an einer der strengsten, formalen Sichtweisen der zeitgenössischen Malerei geschult.
Räumlichkeit, Illusionismus, sei er durch malerische Mittel wie dem Verlauf von Hell zu Dunkel oder kontrastbedingter Tiefensuggestion erreicht, oder konstruktiv durch perspektivische Linienführung, Verkürzung, etc. erzielt, spielen hier keine Rolle. Ihren Gehalt zieht diese Malerei ausschließlich aus den Verhältnissen der zweidimensionalen Elemente Linie und Fläche zueinander und der zur Visualisierung unverzichtbaren Farbe und steht somit in der Tradition des amerikanischen Abstrakten Expressionismus der 50er und 60er Jahre.

Aus dieser strengen Sicht hat sich die Künstlerin voran gekämpft in malerische Räume, die durchaus das Davor und Dahinter, das Darüber und Darunter kennen, sich aber vielfach verweigern dem daraus resultierenden Räumlichen nachzugeben. Sie provoziert jenes Vibrieren, das sich aus dem Schichten der Farben heraus entwickelt, und jeder noch so harten Form, in die es gezwängt, gespannt oder gepresst wird Lebendigkeit verleiht.
Der Blick der Malerin sucht die Fläche und vermeidet höchst sensibel den Drift in Perspektive, denn dies brächte unweigerlich Assoziatives und Erzählerisches mit in die Kompositionen, die gerade durch diese „Unlesbarkeit“ den Betrachter so unvermittelt in jenes Spannungsfeld aus linearer Geometrie und formloser, malerischer Geste einführen.

In Sandra Langes jüngsten Werken gewinnen Muster und Linien die Oberhand. Hart an der Grenze zum Konstrukt gehalten, lassen Sie den Betrachter visuelle Eindrücke erleben, die denen der Op-Art nicht unähnlich sind. Zu den die Oberfläche rhythmisierenden Flächen treten Strukturen, die im Grenzbereich zwischen Linie und Fläche schweben, zu wenig um formgebildete Fläche zu sein, zu viel um als „gehaltlose“ Linie angesehen zu werden. In dem eng begrenzten Feld des Konstruktivistischen, der Farbflächen, -felder und -linien  treffen diese kühle Kalkuliertheit und das prozesshaft malerisch Materielle aufeinander.

 

Ronald Puff 2009